Nr. 5 - Oktober 2020

Sehr geehrte Leser*innen,

mit der hiermit vorliegenden fünften Ausgabe des gemeinsamen Newsletters rund um die Themen Drogen, Strafvollzug und Spritzenautomaten in diesem Jahr möchten wir wieder wichtige Entwicklungen und Neuigkeiten aus Politik und Gesellschaft, Medizin und Forschung, aus dem Verband sowie von unseren Kooperationspartnern mit Ihnen teilen. Ein Thema, das sich unvermeidlich weiter durchzieht: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die nun seit einigen Monaten unseren privaten und beruflichen Alltag entscheidend mitbestimmt und seit einigen Wochen wieder eine neue Dynamik entwickelt und regional bereits neue Einschränkungen mit sich bringt. Aber auch darüber hinaus hat sich einiges getan, über das wir hier berichten und informieren werden.

Gerne veröffentlichen wir interessante Projekte, Themen oder Termine über den Newsletter.  Bitte senden Sie die Beiträge einfach per Mail an brigitte.bersch@nrw.aidshilfe.de. Wir freuen uns über jede Rückmeldung.

Mit herzlichen Grüßen,

Brigitte Bersch            
Spritzenautomatenprojekt NRW

Domenico Fiorenza
   
Fachbereich Drogen|Strafvollzug      


A K T U E L L E S  &  P R E S S E
  

Empfehlung HARM REDUCTION: RISIKEN MINDERN – GESUNDHEIT FÖRDERN
Ein landesweiter Konsens darüber, was „state of the art“ im Bereich Harm Reduction, also der Angebote im Bereich Schadensminimierung und Gesundheitsförderung für drogengebrauchende Menschen ist – dieser liegt nun mit der Empfehlung „HARM REDUCTION: RISIKEN MINDERN – GESUNDHEIT FÖRDERN“ vor. Diese wurde durch die Arbeitsgemeinschaft AIDS-Prävention NRW und den Beirat der Landesstelle Sucht NRW erarbeitet und verabschiedet und bringt so die vereinte fachliche Expertise aus Land, Kommunen und freien Trägern im HIV- und Suchtbereich in NRW zusammen. Beide Gremien wollen mit der Empfehlung die in der Drogen- und Aidsarbeit aktiven Strukturen des Landes zum gemeinsamen Diskurs über die Ausgestaltung der Angebote für drogengebrauchende Menschen einladen. Weitere Informationen und den Link zum Papier finden Sie unter aids-nrw.de.

Ausbau des Spritzenautomatenprojekts NRW
Gerade zur Hochphase der Corona-Pandemie und während des Lockdowns hat sich das Netz an Spritzenautomaten in NRW und die Arbeit der Organisationen, die sie betreiben, als sehr wertvoll erwiesen, um für drogengebrauchende Menschen eine kontinuierliche Versorgung mit sterilen Konsumutensilien bereitzustellen. Dieses Netz ist jedoch noch weit davon entfernt, eine flächendecke Versorgung zu gewährleisten, vor allem in eher ländlichen Gebieten. Hierauf hatte auch Daniel Deimel von der Katholischen Hochschule NRW in seiner Studie „harm reduction 24-7“ (2018) hingewiesen. Aus diesem Grund strebt die Aidshilfe NRW mit Unterstützung einer Honorarkraft und gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW den weiteren Ausbau des Automatenprojekts an, insbesondere durch die Gewinnung neuer Kooperationspartner in Kreisen, in denen bislang keine Automaten betrieben werden. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an brigitte.bersch@nrw.aidshilfe.de.

Fachtag Diamorphin, Substitution, Versorgung von akzept NRW
In der Substitutionsbehandlung hat sich in diesem Jahr viel getan. Die Sicherstellung und der Ausbau der Substitution standen gleich zu Beginn der Corona-Pandemie im Fokus sozialer, drogenpolitischer und medizinischer Fachverbände und der Patientenorganisationen und Selbsthilfevertreter*innen und werden nun durch eine neue Kampagne weiter vorangetrieben (s.u.). In NRW hat zudem in diesem Jahr die erst vierte Diamorphinambulanz in Wuppertal eröffnet, eine fünfte Ambulanz folgt Anfang November in Holzwickede im Kreis Unna. Diese Entwicklungen und die damit verbundenen Herausforderungen, aber auch Chancen standen im Fokus des Online-Fachtags „Diamorphin, Substitution, Versorgung“ am 16. September 2020 (das Programm finden Sie hier). Eine Aufzeichnung des Fachtags wird zeitnah über den Youtube-Account von akzept NRW abrufbar sein. Wer vorab Interesse an einzelnen Beiträgen hat, wende sich gerne an domenico.fiorenza@nrw.aidshilfe.de.

Kampagnenstart 100.000 Substituierte bis 2022
79.700 Patient*innen in Deutschland sind gemäß aktuellem Bericht zum Substitutionsregister substituiert, also knapp die Hälfte der 160.00 Opioidabhängigen. Eine Initiative aus Deutscher Aidshilfe, akzept und JES (Junkies - Ehemalige - Substituierte) hat sich nun zusammengeschlossen und die Kampagne „100.000 Substitutierte bis 2022“ lanciert. Ziel der Kampagne ist es, in Zusammenarbeit mit Drogenhilfeeinrichtungen, der Selbsthilfe und der Ärzteschaft in einer ersten Etappe die Substitutionsquote bis 2022 auf 60 Prozent zu erhöhen. Hierzu seien etwa die im Zuge der Corona-Pandemie erlassenen Erleichterungen im Zugang zur Behandlung aufrechtzuerhalten, die wohnortnahe Versorgung zum Beispiel durch die Vergabe in Apotheken und Suchthilfeeinrichtungen zu stärken und vermehrt lang wirksame Depotpräparate zu nutzen. Mehr lesen Sie unter saferuse-nrw.de.

Entwicklungen rund ums Drug Checking
Während in der Schweiz allein seit Versand des letzten Safer-Use-Newsletters Ende Juli zwei neue Drug-Checking-Standorte in Luzern und Biel ihre Pforten geöffnet haben, hat es zum Thema Drug Checking in Deutschland zuletzt wenig Bewegung gegeben, nachdem Anfang des Jahres Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig sich zumindest verhalten positiv hierzu geäußert hatten. Dem Berliner Drug-Checking-Projekt steht zwar formal nichts mehr im Weg, offiziell gestartet ist das Angebot jedoch noch nicht. Eine Klage der Landesregierung Hessen gegen das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zur Umsetzung eines hessischen Modellprojekts wird aktuell durch das Verwaltungsgericht Köln geprüft. Der Alternative Drogen- und Suchtbericht (s.u.) greift Drug Checking an mehreren Stellen auf, eine Übersicht findet sich auf taz.de. Die oben genannte Harm-Reduction-Empfehlung enthält zwar keine explizite Drug-Checking-Empfehlung, jedoch spricht sie sich für "Beratung zu alternativen Konsumformen, risikoärmeren Gebrauchsmustern, Zusammensetzung und Wirkweise von Substanzen sowie ggf. Substanz- und Schadstoffanalysen" als Bestandteil der Beratung zu Safer Use und Safer Sex aus.

 

M E D I Z I N  &  G E S U N D H E I T  

„Substitution macht Spaß“: Substituierende Ärzte werben um Nachwuchs
Dass Substitution für Ärzt*innen eine bereichernde Behandlungsform sein kann, sogar Spaß macht, hört man leider nicht oft. Davon berichten nun aber die beiden Ärzte Marc und Hans-Joachim Schlüte aus Dortmund in KVWL kompakt, dem amtlichen Bekanntmachungsorgan der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Neben ihrem Bericht aus jahrzehntelanger Berufspraxis enthält der Artikel auch einige Zahlen zur Substitution in Westfalen-Lippe: 12.963 Patient*innen waren im Jahr 2019 substituiert, 478 Ärzt*innen verfügten über eine Genehmigung zur Substitutionsbehandlung. Von den 191 Ärzt*innen, die mehr als 10 Patient*innen substituieren – also jene, die den Großteil der Patient*innen versorgen – sind 52 Prozent 60 bis 69 Jahre alt, 11 Prozent sind über 70 Jahre alt. Ein neu gegründeter Beirat soll sich nun auch u.a. des Nachwuchsproblems in der Ärzteschaft annehmen.

Hepatitis-Elimination bis 2030: Es ist noch viel zu tun
Die Weltgesundheitsorganisation WHO und ihre Mitgliedsstaaten haben sich im Jahr 2016 darauf verständigt, bis 2030 Hepatitis als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit eliminieren zu wollen. Konkret heißt das, 90 Prozent aller Infektionen  mit Hepatitis B und C vorzubeugen, 90 Prozent aller bestehenden Infektionen zu diagnostizieren, 65 Prozent aller Menschen mit Diagnose zu behandeln, und 65 Prozent aller durch Hepatitis B und C verursachten Todesfälle zu verhindern. Ein Artikel in der Fachzeitschrift „Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology“ hat nun gezeigt, dass bei den entsprechenden Bemühungen weltweit noch deutlicher Nachholbedarf besteht. Politische Energie und finanzielle Ressourcen sollten laut den Autor*innen zum Beispiel in die Integration von Hepatitis in HIV-Programme, die Fokussierung auf besonders betroffene Zielgruppen und die Weiterentwicklung von Harm-Reduction-Angeboten für drogengebrauchende Menschen gesteckt werden. Mehr lesen Sie unter infohep.org.

Hepatitis-C-Behandlung nun auch für akute Infektionen empfohlen
Ein Hindernis für viele Patient*innen, zeitnah nach ihrer Diagnose eine Hepatitis-C-Behandlung zu bekommen, ist die Behandlungsindikation, die bislang nur eine Behandlung chronischer Infektionen vorsieht. Das bedeutet, dass die Therapie erst initiiert werden kann, wenn die Infektion nachweislich bereits seit sechs Monaten vorliegt und somit als chronisch gilt. Vorher spricht man von einer akuten Infektion. Die European Association for the Study of the Liver (EASL) hat nun in ihren neuen Leitlinien erstmals die Behandlung für alle Menschen sowohl mit akuter als auch mit chronischer HCV-Infektion empfohlen. Dringlich indiziert ist die Behandlung nach EASL-Leitlinien insbesondere bei drogengebrauchenden Menschen und Männern, die Sex mit Männern haben. Mehr erfahren Sie unter hepatitisandmore.com.

Medizin-Nobelpreis geht an Entdecker des Hepatitis-C-Virus
Eine weitere Herausforderung auf dem Weg zur Hepatitis-Elimination ist das oft noch ausbaufähige Bewusstsein für den Stellenwert des Themas, sowohl in der Gesamtgesellschaft als auch in den relevanten Zielgruppen. Weltweite mediale Aufmerksamkeit ist dem Hepatitis-C-Virus nun durch die Verleihung des Medizin-Nobelpreises sicher: Ausgezeichnet werden in diesem Jahr Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice für die Entdeckung und Erforschung des Virus. Mehr hierzu lesen Sie unter tagesschau.de.

Im Zuge der Nobelpreis-Verkündung hat die Aidshilfe NRW eine neue Postkarte der Kampagnenreihe "Wir meinen das ernst" entwickelt, sie trägt den Namen "Das verdient den Nobelpreis!" und weist auf noch bestehende Hürden im Zugang zu Diagnostik und Behandlung hin.

Infektionsrisiken durch gebrauchte Spritzen
Jede Beratungsstelle, die einen Spritzenautomaten betreibt oder Konsumutensilien in der Einrichtung vergibt, hat sich sicherlich bereits mit der Frage beschäftigt, ob sich Menschen mit HIV oder Hepatitis infizieren können, wenn sie versehentlich in gebrauchte Spritzen fassen. Dies kann relevant sein im Arbeitsalltag, aber zum Beispiel auch im Umgang mit Anwohner*innen, die sich Sorgen wegen nicht fachgerecht entsorgter Spritzen machen. Welche Infektionsrisiken tatsächlich bestehen und was im Zweifelsfall zu tun ist, darüber berichtet magazin.hiv.

Arbeitsschutzregeln für den betrieblichen Infektionsschutz
Seit Ende August 2020 ist die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel in Kraft. Die Regelungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales konkretisieren die Maßnahmen des SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandards (April 2020) und bieten einen rechtssicheren Rahmen für den betrieblichen Infektionsschutz. Behandelt werden u.a. die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes, das empfohlene Vorgehen beim Lüften von Innenräumen, sowie Dienstreisen und Besprechungen. Weiteres lesen Sie unter bmas.de.   


P O L I T I K  &  R E C H T  

Drogenbeauftragte lehnt Einrichtung einer Fachkommission für Drogenpolitik ab
Die Initiative #mybrainmychoice setzte sich mit einer Petition für eine unabhängige und interdisziplinäre Fachkommission zur Erarbeitung einer zeitgemäßen Drogenpolitik ein, die von 24.000 Unterstützer*innen inklusive zahlreicher Expert*innen und Fachverbände unterzeichnet wurde. Ende September wurden die beiden Initiatorinnen von der Bundesdrogenbeauftragten empfangen – die Einrichtung der geforderten Kommission lehnte sie jedoch ab, da es dafür derzeit keine politischen Mehrheiten gäbe. Mehr hierzu lesen Sie unter aidshilfe.de

Anhörung zur kontrollierten Cannabis-Abgabe im Landtag NRW
Auf Antrag der grünen Landtagsfraktion wurde im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landtags NRW zum Thema „Modellversuch kontrollierte Cannabis-Abgabe“ debattiert. Ziele des Modellprojekts laut Antrag: den Schwarzmarkt bekämpfen sowie Jugendschutz und Prävention stärken. Als Sachverständige gaben Sebastian Fiedler für den Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Georg Wurth für den Deutschen Hanfverband und Hubert Wimber, Polizeipräsident a.D. und Bundesvorsitzender von LEAP (Law Enforcement Against Prohibition), Stellungnahmen ab. Der BDK äußerte sich wie folgt mit Bezug auf das portugiesische Modell der Entkriminalisierung: „Es bedarf m. E. keines Modellversuches, da wir auf eine mittlerweile 19jährige drogen- und kriminalpolitische Erfahrung aus Portugal zurückgreifen können, an der wir uns ein Beispiel nehmen sollten. Dies erfordert eine radikale Wende der deutschen Drogenpolitik. Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig MdB, zeigte sich jüngst offen für diese Diskussion.“  

 

P U B L I K A T I O N E N  &  B E R I C H T E

Alternativer Drogen- und Suchtbericht
Die siebte Ausgabe des Alternativen Drogen- und Suchtberichts vom akzept-Bundesverband und der Deutschen Aidshilfe ist erschienen. Zentrale Forderungen in diesem Jahr sind die Ausweitung von Harm-Reduction-Angeboten, die staatlich regulierte Abgabe von bislang illegalen Substanzen und die Einberufung einer unabhängigen, drogenpolitischen Fachkommission, die die deutsche Drogenpolitik insgesamt auf den Prüfstand stellt. Mehr lesen Sie unter saferuse-nrw.de.

Europäischer Drogenbericht 2020
Einen europäischen Blick auf den staatlichen Umgang mit Drogengebrauch sowie Trends beim Konsum und möglichen Auswirkungen wirft der jährlich erscheinende Europäische Drogenbericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht EMCDDA. Die EU-Drogenbeobachtungsstelle weist insgesamt auf einen hoch komplexen und anpassungsfähigen Drogenmarkt und sich stetig verändernde Konsummuster, aber auch konstante Problemlagen wie Überdosierungen und Hepatitis-C-Infektionen hin. Weiterführende Informationen und Links finden Sie unter saferuse-nrw.de.

Einen Kurzbericht zur Situation illegaler Drogen in Deutschland sowie ausführlichere Berichte zu einzelnen Unterthemen – wie zum Beispiel rechtliche Rahmenbedingungen, gesundheitliche Begleiterscheinungen und Schadensminderung oder Gefängnis – finden Sie auf der Website der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht dbdd.de.

Strafvollzugsgrundsätze zur humanen Behandlung von Inhaftierten überarbeitet
Die Europäischen Strafvollzugsgrundsätze (European Prison Rules) des Europarats geben Leitlinien für Vollzugsmitarbeitende zur humanen Behandlung Gegangener vor. Die 2006 erarbeiteten Leitlinien, die sich an die 47 Mitgliedsstaaten des Europarats, inklusive Deutschland, richten, wurden nun überarbeitet. Das Papier bekräftigt auch das sogenannte Äquivalenzprinzip, das für Gefangene eine medizinische Behandlung vorsieht, die den Standards außerhalb des Vollzugs im jeweiligen Land entspricht. Weitere Informationen und eine deutsche Übersetzung finden Sie unter bag-s.de.


M E D I E N  &  I N F O R M A T I O N S M A T E R I A L I E N

Neue Materialien zu den Themen Substitution, HIV und Hepatitis
Im Versand der Deutschen Aidshilfe sind einige neue Informationsmaterialien für drogengebrauchende Menschen und Beratungsstellen erhältlich. Zwei neue Poster (Von Drogen bekomm ich kein HIV! | Von Drogen bekomm ich keine Hepatitis!) wollen dafür sensibilisieren, dass nicht Drogenkonsum per se, sondern mangelnde Safer-Use-Kenntnisse oder -Materialien zu Infektionskrankheiten führen können. Zwei Broschüren des JES-Bundesverbands informieren zur Substitutitonsbehandlung (Substitution- Es gibt viel Neues! | Heroin ist Teil deiner Geschichte). Auch die Broschüre zum Jubiläum 30 Jahre Spritzenautomatenprojekt NRW ist nun über den Versand zu beziehen. Alle Materialien können kostenlos bestellt werden. 

Drogenkurier Nr. 123: Dokumentation des internationalen Gedenktags für verstorbene Drogengebraucher*innen
Die zuletzt erschienene Sonder-Ausgabe des Drogenkuriers berichtet über die Aktivitäten zum Internationalen Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher*innen am 21. Juli. Trotz der Corona-bedingten Beschränkungen haben bundesweit 79 Aktionen in 72 Städten stattgefunden, die im Magazin dokumentiert sind. Den Drogenkurier können Sie als PDF hier downloaden.  


F O R S C H U N G  &  S T U D I E N  

Corona und die ambulante Drogenhilfe
Das Centre for Drug Research an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. erforscht seit Beginn der Corona-Pandemie deren Auswirkungen auf die ambulante Drogenhilfe und die offene Drogenszene, um Erkenntnisse zur Bewältigung der Krise sowie zur zukünftigen Krisenfestigkeit zu gewinnen. Es wurden bereits mehrere Teilauswertungen veröffentlicht, zuletzt im Juni 2020 (PDF-Datei). Ein neuer, aktualisierter Aufruf zur Teilnahme an der Befragung wurde im September veröffentlicht, Rückmeldungen aus der Praxis – insbesondere aus NRW - sind weiterhin gern gesehen.

Corona und Präventionsangebote für drogengebrauchende Menschen
Ergänzend zur oben genannten Studie des Centre for Drug Research hat das Robert Koch-Institut eine bundesweite Kurzbefragung unter niedrigschwelligen Drogenhilfeeinrichtungen zur Aufrechterhaltung der Präventionsangebote für durch Blut und sexuell übertragbare Infektionen bei drogengebrauchenden Menschen im Zuge der Corona-Pandemie durchgeführt. Auf Grundlage der Rückmeldungen zeigt sich ein gemischtes Bild: Ein großer Teil der Einrichtungen musste zumindest zu Beginn der Pandemie Räumlichkeiten schließen, Angebote reduzieren oder umstellen. Ein Notbetrieb wurde jedoch in aller Regel aufrechterhalten, allen voran die Vergabe von Konsumutensilien. Einige Einrichtungen haben ihre Angebote (v.a. im Bereich Streetwork) sogar ausgebaut, um die Menschen mit gestiegenen Hilfsbedarfen und während des Wegfalls vieler anderer Säulen des Hilfesystems weiterhin zu erreichen. Weiteres erfahren Sie unter saferuse-nrw.de.

Corona und Substanzkonsum: Der Global Drug Survey 2020
Die weltweit größte Drogenumfrage, so betitelt der Global Drug Survey sich selbst, ging in diesem Jahr mitten in der Corona-Pandemie an den Start. Weltweit haben über 55.000 Menschen teilgenommen, davon allein aus Deutschland mehr als 25.000, und Fragen zu ihren Konsumgewohnheiten, aber auch zu besonderen Belastungssituationen im Laufe der Pandemie und während des Lockdowns beantwortet. Aufschlussreich ist die Befragung nicht nur aufgrund der hohen Zahl an Teilnehmenden, sondern auch weil sie eine ungewöhnliche Zielgruppe zum Thema Drogenkonsum abbildet: Der Survey wird in Deutschland von der ZEIT beworben und erreicht dementsprechend ein eher privilegiertes Klientel. 88 Prozent der Befragten hatten keine finanziellen Engpässe während der Krise. Dies zeigt zugleich, dass es eine relevante Gruppe innerhalb der Gesellschaft gibt, die offenbar ohne größere Probleme oder gesundheitliche Folgen Substanzen konsumiert. Im Zuge der Pandemie, so eines der Ergebnisse, waren dies eher Alkohol und Cannabis als die klassischen Partydrogen. Mehr lesen Sie unter zeit.de.

Abschlussbericht des BZgA-Modellprojekts "HIV? Hepatitis? Das CHECK ich!" veröffentlicht

Eine der zentralen Empfehlungen der DRUCK-Studie (2016) des Robert Koch-Instituts (RKI) war die Einrichtung von Beratungs- und Testangeboten zu HIV und Hepatitis C in der niedrigschwelligen Drogenhilfe. Diese Empfehlung wurde durch das Modellprojekt „HIV? Hepatitis? Das CHECK ich!“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Kooperation mit der Deutschen Aidshilfe und dem RKI aufgegriffen. In NRW nahmen die Düsseldorfer Drogenhilfe, die Suchthilfe Troisdorf sowie die aidshilfe dortmund am Modellprojekt teil, das von Januar 2018 bis August 2019 lief. Die Ergebnisse liegen nun im Abschlussbericht zur Begleitevaluation vor. Weitere Informationen und den Link zum Dokument finden Sie unter saferuse-nrw.de.

aidshilfe dortmund veröffentlicht Studie zu HCV und Drogengebrauch
Eine weiteres Forschungsprojekt, die Studie “we care“ der aidshilfe dortmund, hat sich spezifisch mit dem Hepatitis-C-bezogenem Gesundheitsverhalten drogengebrauchender Menschen auseinandergesetzt. Ziel der qualitativen Studie, die auf Interviews mit Besucher*innen des cafe kick in Dortmund und von VISION in Köln sowie der Auswertung wissenschaftlicher Literatur beruht, war es Barrieren und Ressourcen für die Nutzung von Testangeboten und die Inanspruchnahme einer HCV-Behandlung zu identifizieren. Auf Grundlage der Ergebnisse entwickelt die Studie Empfehlungen für die Entwicklung integrierter, vernetzter und Community-orientierter Modelle sowie für Aufbau und Weiterentwicklung HCV-bezogener Angebote in der ambulanten Drogenhilfe. Weitere Informationen können Sie der Pressemitteilung der aidshilfe dortmund entnehmen. Die komplette Studie finden Sie hier.  


P R O J E K T E  &  F I N A N Z E N 

 Sonderprogramm zur Digitalisierung der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW
 Um die Chancen der Digitalisierung, die durch Corona in vielen Einrichtungen sicherlich noch einmal beschleunigt wurde, nachhaltig zu gestalten und langfristig abzusichern, hat die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW ein Sonderprogramm mit dem Titel „Zugänge erhalten – Digitalisierung stärken“ aufgelegt. Gefördert werden können Dienste und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, Förderanträge können bis zum 15. November 2020 eingereicht werden. Mit der Umsetzung wurde der Projektträger Jülich [PtJ] des Forschungszentrums Jülich beauftragt. Weitere Informationen zu den Förderbedingungen und zum Antragsverfahren finden Sie unter sw-nrw.de und pjt.de.   

Sonderprogramm Heimat 2020 zur Unterstützung von Vereinen und Verbänden

  Ein weiteres Corona-bedingtes Programm ist das Sonderprogramm „Heimat 2020“ der Landesregierung NRW. Durch einen einmaligen Zuschuss in Höhe von bis zu 15.000€ sollen durch die Corona-Pandemie verursachte, existenzgefährdende Liquiditätsengpässe gemeinnütziger Vereine oder Organisationen aufgefangen werden. Diese müssen in der Zeit zwischen März und Oktober 2020 entstanden sein, etwa durch ausgefallene Veranstaltungen oder Mieteinnahmen. Insgesamt stellt das Land 50 Millionen Euro zur Verfügung, beantragt werden kann der Zuschuss über ein Online-Portal bis zum 4. Dezember 2020. Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung.

Inklusionscheck NRW des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW

 NRW-Gesundheits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann hat den neuen „Inklusionscheck NRW“ vorgestellt. Das Förderprogramm stellt für bis zu 300 Projekte aus lokalen Initiativen, Vereinen und Organisationen je 2.000€ für die Umsetzung von Inklusion und für ein gelingendes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen vor Ort zur Verfügung. Neue Anträge können ab dem 1. Januar 2021 eingereicht werden. Weitere Informationen finden Sie unter land.nrw.     


T E R M I N E  &  V E R A N S T A L T U N G E N

Wir weisen an dieser Stelle auf alle (Präsenz-)Termine und Veranstaltungen weiterhin unter Vorbehalt hin. Bitte informieren Sie sich im Zweifelsfall beim Veranstalter.

3. November 2020 - online: Patientenverfügung – wozu?
Was passiert mit Menschen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, selbst über ihre medizinische Behandlung zu entscheiden? Welche Maßnahmen sind zu treffen? Welche Formulare sind vorab auszufüllen? Was bedeutet es Entscheidungsträger*in zu sein? Diese und weitere Fragen rund um das Thema Patientenverfügungen beantwortet und diskutiert Anja Wolff, Aidshilfe Bochum, in der nächsten Ausgabe der Veranstaltungsreihe „Let’s talk about …“, die von 18.00 bis 20.00 Uhr per Videokonferenz stattfindet. Weitere Informationen finden Sie hier.

10. bis 11. November 2020 - online: DHS Fachkonferenz SUCHT "Suchthilfe: kommunal denken - gemeinsam handeln"
Die jährliche Fachkonferenz der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) wird in diesem Jahr erstmalig virtuell stattfinden und beschäftigt sich mit den Herausforderungen der kommunalen Suchtprävention und Suchthilfe im Kontext vielfach knapper finanzieller und personeller Ressourcen. Weitere Informationen können Sie unter dhs.de abrufen.

11. November 2020 in Düsseldorf: Housing-First-Fachtag
Housing First ist ein Konzept, das die übliche Vorgehensweise aufsuchender sozialer Arbeit für wohnungslose Menschen umkehrt: Statt zunächst eine Stabilisierung in gesundheitlichen, sozialrechtlichen und weiteren Fragen zu erwirken, um die Chancen auf dem Wohnungsmarkt zu verbessern, wird den Menschen im ersten Schritt eine Wohnung zur Verfügung gestellt, um somit eine stabile Basis für alle weiteren Herausforderungen zu haben. Um dieses Konzept, das etwa in Skandinavien bereits erfolgreich angewendet wird, auch in NRW zu erproben, wurde vor knapp drei Jahren der Housing-First-Fonds in Düsseldorf vom Paritätischen NRW und der Düsseldorfer Organisation fiftyfifty//Asphalt e.V. initiiert. Die Ergebnisse des dreijährigen Modellprojekts sollen nun dem interessierten Publikum am 11. November vorgestellt werden – voraussichtlich als Präsenzveranstaltung mit parallelem Live-Stream. Mehr hierzu können Sie im Veranstaltungsflyer nachlesen.

17. bis 18. November 2020 - online: Bundestagung BAG-S „Drogenpolitik – Einfallstor in die Straffälligkeit?“
Auf ihrer diesjährigen Bundestagung möchte die Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe (BAG-S) sich mit dem Themenkomplex Drogenpolitik, Kriminalisierung und Entkriminalisierung beschäftigen. Weitere Informationen zu der Tagung, die  ebenfalls als virtuelle Veranstaltung stattfinden wird, sind unter bag-s.de zu finden.

4. bis 5. Dezember 2020 in Frankfurt a.M. und online: Gefängnis-Medizin-Tage

Die fünften Gefängnismedizintage bieten dieses Jahr erneut ein Forum für den Austausch für Medizinische Dienste und Mitarbeitende aus dem Justiz- und Maßregelvollzug, aber auch externe Beratungsstellen. Schwerpunktthemen sind Infektiologie, Psychiatrie, Suchtmedizin, Recht und Ethik in der Vollzugsmedizin, Pflege, Labordiagnostik und Alter und Behinderung. Unumgänglich wird auch die Frage sein, wie das Coronavirus den Justizalltag berührt und wie mit den Herausforderungen durch die Pandemie in Haft umgegangen wird. Die Veranstaltung kann nach derzeitigem Stand sowohl vor Ort in Frankfurt a.M. als auch digital verfolgt werden. Weiteres lesen Sie unter sv-veranstaltungen.de.

25. bis 27. März 2021 in München: Deutsch-Österreichische AIDS-Kongress (DÖAK)
Die zehnte Ausgabe des DÖAK möchte im März 2021 unter dem Titel „„40 Jahre HIV/AIDS – Pandemien gestern und heute“ auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Prävention und Behandlung blicken. Geplant ist der Kongress als Präsenzveranstaltung, parallel wird aber ein hybrider oder rein virtueller Ablauf vorbereitet. Bis zum 30. November 2020 können wissenschaftliche Beiträge und Poster eingereicht werden. Weitere Informationen finden Sie hier

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