Juli / August 2012
Liebe Leserinnen und Leser,
„Wenden wir gemeinsam das Blatt und beenden wir Aids!“ Mit diesem Aufmacher schloss die große Welt-Aids-Konferenz in Washington. Aids beenden? Ist das ein realistisches Ziel? Beachtet man die von der Konferenz formulierten Bedingungen, Zugang zu Prävention, Behandlung, Versorgung und Beratung, Mitwirkung der Betroffenen sowie weitere Schritte gegen Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung von Menschen mit HIV, wird die Forderung klarer. Mit HIV werden wir wahrscheinlich auf unbestimmte Zeit leben müssen, aber unter den genannten Bedingungen könnten wir es schaffen, Aids als Krankheit nicht mehr aufkommen zu lassen, weltweit.
Hinschauen und Zuhören, das sind die Maximen der „Positiven Begegnungen“, die gestern Abend in Wolfsburg eröffnet wurden, die größte Fachtagung für Menschen mit HIV in Europa. Die größten Schwierigkeiten für sie entstehen heute oft nicht durch die Infektion selbst, sondern durch Diskriminierung. Darauf verweisen auch die „positiven stimmen“, einer Befragung der Deutschen AIDS-Hilfe, an der sich 1.148 Menschen mit HIV in Deutschland beteiligt haben. Immerhin 77 % mussten angeben, im Kontext ihrer Infektion auf Diskriminierung gestoßen zu sein, und der Großteil, die ihren Job verloren haben, gab an, dass dies nicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgte, sondern aufgrund von Diskriminierung. Immerhin: Nach einer neuen Empfehlung für das Gesundheitswesen dürfen HIV-infizierte Beschäftigte nun sämtliche medizinischen Tätigkeiten vornehmen. Angesichts dessen, dass die meisten in der Krankenversorgung Tätigkeiten ausführen, bei denen eine HIV-Übertragung ausgeschlossen werden kann, eine längst überfällige Erkenntnis.
Darüber, dass Menschen mit HIV unter der Nachweisgrenze nicht infektiös sind und dass Zwangstests und Screenings hier in Deutschland keinen Sinn machen, wird die AIDS-Hilfe NRW in ihrer Jahrespressekonferenz Anfang September der Öffentlichkeit berichten. Doch darüber mehr im kommenden Monat.
Ich wünsche Ihnen allen viel Spaß beim Lesen des Newsletters!
Petra Hielscher
Frauen und Aids
AIDS-Hilfe NRW e.V.


A K T U E L L E S / N E W S

„Positive Begegnungen“ in Wolfsburg eröffnet
380 Menschen mit HIV, Angehörige und andere Menschen, die HIV-Positiven nahe stehen, nehmen an den „Positiven Begegnungen“ teil, die gestern Nachmittag in Wolfsburg eröffnet wurden. Die Konferenz dreht sich um alle Aspekte des Lebens mit HIV, von medizinischen Fragen über das Outing am Arbeitsplatz bis hin zu Diskriminierungserfahrungen. Die Konferenz will die Öffentlichkeit über die gravierenden Veränderungen des Lebens mit HIV durch die heute verfügbaren Medikamente informieren und Ausgrenzung entgegenwirken. Am Samstag findet in der Wolfsburger Fußgängerzone eine Demonstration gegen Diskriminierung und eine publikumswirksame Aktion gegen die Strafbarkeit der (potenziellen) HIV-Übertragung statt. Die Strafbarkeit ist ein weiteres Schwerpunktthema der Konferenz. Einen Überblick über die öffentlichen Veranstaltungen finden Sie unter aidshilfe.de.

HIV Zwangstest in Sachsen-Anhalt – bald Realität
Das Innenministerium Sachsen-Anhalt plant derzeit, das Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu novellieren. Mit einer hierin enthaltenen Ergänzung des §41 würde auch die Möglichkeit zum HIV Zwangstest (sowie auf Hepatitis B oder Hepatitis C) geschaffen, wenn der Verdacht besteht, dass eine Person eine dieser Infektionen hat. Nach erster Lesung im Landtag von Sachsen-Anhalt wird die Novellierung nun im Innenausschuß weiter behandelt. Die Deutsche AIDS-Hilfe hatte in einer Stellungnahme betont, HIV-Test müsse freiwillig bleiben. Das geplante Gesetz setze Grundrechte außer Kraft. Die Entscheidung über einen HIV-Test müsse ausschließlich beim Individuum liegen. Diesbezüglich wird sich auch die AIDS-Hilfe NRW auf ihrer Jahrespressekonferenz am 5. September äußern. Näheres zu den Plänen des Landes Sachsen-Anhalt lesen Sie unter ahnrw.de.

Beschäftigte mit HIV dürfen sämtliche medizinischen Tätigkeiten vornehmen
Nach der neuen Empfehlung für das Gesundheitswesen dürfen HIV-infizierte Beschäftigte nun sämtliche medizinischen Tätigkeiten vornehmen. Eine HIV-Übertragung durch infiziertes medizinisches Personal auf Patienten sei bei nichtinvasiven medizinischen Maßnahmen „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ausgeschlossen, wenn die üblichen Maßnahmen zur Hygiene eingehalten werden. Dies gelte unabhängig von der Viruslast, heißt es in den im August 2012 von der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) und der Gesellschaft für Virologie GfV) veröffentlichten Empfehlung. HIV-positive Beschäftigte mit nicht mehr nachweisbarer Viruslast (unter 51 Viruskopien pro Milliliter Blut) können nunmehr alle operativen und invasiven Tätigkeiten durchführen. DVV und GfV berücksichtigen damit auch, dass unter wirksamer HIV-Therapie die Infektiosität erheblich gesenkt ist. Weiteres lesen sie unter aidshilfe.de.

Ergebnisse der Studie „positive stimmen“ vorgestellt
Anlässlich der „Positiven Begegnungen“, die gestern in Wolfsburg eröffnet wurden, hat die Deutsche AIDS-gestern die Ergebnisse ihrer Studie „positive stimmen“ vorgestellt. „positive stimmen“ ist die deutsche Umsetzung des internationalen Projekts „The People living with HIV Stigma Index“, das unter anderem von der HIV/Aids-Organisation der Vereinten Nationen, UNAIDS, und dem Globalen Netzwerk von Menschen mit HIV, GNP+, getragen wird. Hier haben Menschen mit HIV Menschen mit HIV befragt. So werden in dieser Studie nicht nur Stigmatisierung und Diskriminierung sichtbar, sondern gleichzeitig können sich alle Beteiligten mit ihrer Situation auseinandersetzen und Wege zum Umgang damit entwickeln. Forschung und Ermutigung, Hilfe zur Selbsthilfe gehen Hand in Hand. Die Ergebnisse lesen Sie unter aidshilfe.de.

Truvada als PrEP-Medikament zugelassen
Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat das HIV-Medikament Truvada für die vorbeugende Behandlung Nichtinfizierter mit hohem HIV-Risiko zugelassen (Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz: PrEP). Grundlage für die Entscheidung waren drei klinische Studien: Eine ausschließlich mit schwulen Männern durchgeführte Studie ergab einen Schutzeffekt von 44 Prozent, in zwei Studien mit Heterosexuellen in Kenia und Botswana lag er bei 73 Prozent. Die Aidshilfen sehen die Zulassung kritisch, denn im normalen Alltag erscheint die PrEP kaum praktikabel. Um wirksam zu sein, muss das Medikament regelmäßig eingenommen werden. Das Hauptproblem ist also die Therapietreue, dazu kommen die hohen Kosten, pro Monat muss man mit etwa 800 Euro rechnen. Daher scheint bei den Menschen mit dem höchsten Risiko die Schutzwirkung am niedrigsten zu sein. Eine Zulassung für Europa ist in nächster Zeit nicht zu erwarten. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat im März ein kritisches Diskussionspapier veröffentlicht und fordert mehr Daten zur langfristigen Sicherheit. Daher ist auf jeden Fall davor zu warnen, das Medikament über die USA auf dem Schwarzmarkt zu erwerben und ohne medizinische Beratung einzunehmen. Ein Interview mit Dr. Guido Schlimbach, dem Pressesprecher der AIDS-Hilfe NRW, mit dem WDR lesen Sie unter wdr.de.

Deutsche Ärztin durfte nicht in die USA einreisen
„Nothing about us without us“ war eine der zentralen Forderungen auf der Washingtoner Konferenz. Zahlreichen Sexworkern und Menschen, die Drogen konsumieren, wurde im Vorfeld die Einreise in die USA verweigert. Auch Heidemarie Kremer durfte nicht einreisen. Sie ist Ärztin, Psychologin und Wissenschaftlerin. Sie schreibt: "Ich wurde bestraft, weil ich meinen HIV-Status offen mache. Das Stigma hat mich zum Schweigen gebracht". In einem Artikel für AIDS2012 erklärt, wie es dazu kam. Sie lesen ihn unter opendemocracy.net.

Wechseljahre - Praktische Begleitung für diese Lebensphase
Das FrauenGesundheitsZentrum e.V. Berlin ist aus der autonomen Frauenbewegung entstanden. Ziel seiner Arbeit ist es, die gesundheitliche Situation von Mädchen und Frauen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene zu verbessern. Der beliebte und umfassende Ratgeber „Wechseljahre - Praktische Begleitung für diese Lebensphase" des FFGZ ist gerade in einer aktualisierten Auflage neu erschienen. Er ist – neben vielen anderen Gesundheitsbroschüren für Frauen - zum Preis von 8 Euro zuzüglich Porto zu beziehen. Die Bezugsmöglichkeit finden Sie unter e-shop.info.

Konfliktthema: Arzneitherapie in der Schwangerschaft
Ob nun wegen einer chronischen oder akuten Erkrankung: Wird während Schwangerschaft und Stillzeit eine Arzneitherapie notwendig, wirft das Fragen auf. Hilfe bietet hier die Website embryotox.de. Für die medikamentöse Behandlung schwangerer und stillender Frauen suchen Ärzte sowohl in der Roten Liste als auch auf den Beipackzetteln der Arzneimittel oft vergeblich nach ausreichenden Informationen. In solchen Fällen hilft ein Telefonat mit dem Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie (Embryotox) der Charité in Berlin - oder ein Blick ins Internet. Dort bietet die Seite arzneimittel-in-der-schwangerschaft.de umfassende Infos zur Arzneimittelsicherheit in der Schwangerschaft und in der Stillzeit. Betreut wird die Internetseite von Expertinnen und Experten des Beratungszentrums. Das Beratungsangebot von Embryotox wird von der AOK finanziell unterstützt.

Abschlussbericht „Risiken, Rechte und Gesundheit“
Interessant für alle, die sich mit rechtlichen Fragen zu HIV auseinandersetzen, wird der Abschlussbericht der Global Commission on HIV and the Law über "Risks, Rights & Health" sein, der bereits im Juli veröffentlicht wurde. Der Bericht wird bereitgestellt unter hivlawcommission.org.


A N K Ü N D I G U N G E N   D E R   A I D S - H I L F E   N R W   E. V.

HIV-KONTROVERS 2013: Anmeldungen jetzt online möglich!
Gemeinsam mit der Deutschen AIDS-Gesellschaft lädt die AIDS-Hilfe NRW zum dritten Mal zur Fachtagung HIV-KONTROVERS ein, die in diesem Jahr in Köln stattfinden wird. Bereits auf den zwei zurückliegenden Veranstaltungen zeigte sich, wie spannend eine Diskussion ist, wenn sie von zwei pointiert gegensätzlichen Positionen angestoßen und von Menschen unterschiedlichster Profession und Stellung geführt wird. Bei HIV-KONTROVERS diskutieren Expertinnen und Experten aus Aidshilfe, Positiven-Selbsthilfe und Prävention, dem öffentlichem Gesundheitswesen, der ambulanten und stationären Versorgung sowie aus Politik und Verwaltung mit  Menschen mit HIV und Aids und Ärztinnen und Ärzten. Zu acht aktuellen Themen treten jeweils zwei Referentinnen bzw. Referenten in eine moderierte Kontroverse ein. Zu diesem interaktiven Diskurs rund um HIV und Aids laden wir Sie herzlich ein. Den Flyer mit allen wichtigen Informationen finden Sie hier (PDF-Datei). Alle Aktualisierungen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung (Anmeldungen sind ausschließlich online möglich) finden Sie unter hiv-kontrovers.de.

Gedenktages für verstorbene Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher
Anlässlich des Gedenktages 2012 für verstorbene Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher forderte die AIDS-Hilfe NRW die Legalisierung bislang kriminalisierter Drogen. Die Aidshilfen in Nordrhein-Westfalen engagieren sich seit über 25 Jahren in der niedrigschwelligen Drogenarbeit, was mit dazu führte, dass der Anteil von Drogenkonsumierenden bei den HIV-Neudiagnosen kontinuierlich zurückging. Darüber hinaus forderte sie die konsequente Entkriminalisierung des Drogenkonsums sowie eine gesetzlich geregelte und kontrollierte Abgabe. Seit 1998 wird der 21. Juli begangen, um dem Gedenken an die vielen Drogentoten sowie der Gründe und Umstände, die zu ihrem Sterben geführt haben, Raum zu geben. In Zusammenarbeit mit den Mitgliedsorganisationen der AIDS-Hilfe NRW und anderen Drogenhilfeeinrichtungen fanden in diesem Jahr in Nordrhein-Westfalen Veranstaltungen in Ahlen, Aachen, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Gütersloh, Hagen, Hamm, Köln, Paderborn, Unna und Wuppertal statt. Die ausführliche Presseinformation finden Sie hier (PDF-Datei).


A N K Ü N D I G U N G E N   D E R   D E U T S C H E N   A I D S - H I L F E   E. V.

Deutsche AIDS-Hilfe hat die „Washingtoner Erklärung“ unterzeichnet.
Die Deklaration steht wie die Welt-Aids-Konferenz in Washington unter dem Motto: „Turning the Tide Together – A declaration to End the AIDS Epidemic“ („Gemeinsam das Blatt wenden – Eine Erklärung, um die Aids-Epidemie zu beenden“). Hier werden die oben schon genannten dringend notwendigen Maßnahmen benannt. Der im internationalen Vergleich sehr erfolgreichen deutschen HIV-Prävention wurde in Washington großes Interesse entgegengebracht. Aus deutscher Sicht ist die HIV-Prävention hier so erfolgreich, weil sie auf Beteiligung der am stärksten von HIV betroffenen Gruppen setzt und Diskriminierung entgegenwirkt. Dies wäre in der Tat auch auf andere Länder übertragbar. Aber auch in Deutschland gilt es, Lücken zu schließen: Menschen in Haft sind von wirksamen Maßnahmen wie Spritzentauschprogrammen ausgeschlossen und haben oft keinen Zugang zu Substitutionstherapien. Drogenkonsumräume retten nachweislich Leben, dürfen aber noch immer in mehreren Bundesländern nicht betrieben werden. Den Text der „Washingtoner Erklärung finden Sie unter 2endaids.org. Einen lesenswerten Live-Ticker der DAH von der Washingtoner Konferenz lesen Sie unter aidshilfe.de.

Strukturtreffen des Netzwerks Frauen vom 17. bis 19. September 2012
Auf der Tagesordnung des Strukturtreffens stehen wichtige Themen. Dazu gehören die Weiterentwicklung des Netzwerks und die Redaktionssitzung der DHIVA. Selbstverständlich soll auch der 20. Geburtstag des Netzwerks gefeiert warden. Die Teilnahme vieler Frauen, die maßgeblich an der Entstehung und Gestaltung des Netzwerks beteiligt waren oder noch sind, wäre sehr erfreulich. Weitere Informationen unter stiftung-gssg.de.


S O N S T I G E S

Gründung: "Die Akademie" der autonomen Frauenberatungsstellen NRW
Der Dachverband der autonomen Frauenberatungsstellen NRW e.V. hat in diesem Jahr sein Fortbildungsinstitut "Die Akademie" gegründet. "Die Akademie" ist eine Bildungsstätte für feministische Beratung, Therapie und Prävention. Angeboten werden Seminare zur Arbeit mit den Präventionsmaterialien "Warnsignale häuslicher Gewalt", Fortbildungen zu Themen wie Gewalt gegen Frauen, Essstörungen, Burn out sowie zertifizierte Ausbildungen zur Präventionsfachkraft. Mit der Akademie geht der Dachverband neue Wege in der Arbeit zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Ausführliche Informationen und Termine finden Sie unter frauenberatungsstellen-nrw.de.

Der nächste Newsletter erscheint im September 2012.
Ich freue mich über interessante Berichte, Veranstaltungshinweise etc. Bitte senden Sie diese bis zum Ende Juli per Mail an Petra Hielscher.
 
 
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